Mehr als 800 Teilnehmende kamen zur Tafel der Solidarität der Caritas Hamm und machten den zentralen Platz der Innenstadt für einige Stunden zu einem Ort des Austauschs. Zwölf Jahre nach ihrer Premiere im Jahr 2014 fand die Veranstaltung bereits zum vierten Mal statt.
Mehr als 800 Menschen kamen bei der Tafel der Solidarität der Caritas Hamm zusammen. An den langen Tischreihen auf dem Marktplatz entstanden Gespräche zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen und Lebenssituationen. Anna Eckart (Caritas Hamm)
Schon kurz nach Beginn wurde deutlich, dass der Platz seine gewohnte Funktion verlor. Menschen bleiben stehen, setzen sich dazu, kommen ins Gespräch. Zwischen Tischen, Essen und spontanen Begegnungen entstehen Gespräche, die nicht geplant sind und sich oft länger entwickeln als erwartet. Aus einzelnen Momenten wird ein gemeinsamer Austauschraum. "Man merkt sehr schnell, dass hier etwas anders ist als im Alltag auf diesem Platz", sagt Elmar Marx, Vorstand der Caritas Hamm. "Menschen setzen sich nebeneinander, die sich sonst nie begegnen würden - und plötzlich wird aus einem Platz ein Gespräch."
Zwölf Jahre nach der Premiere
Die Tafel der Solidarität verband persönliche Begegnungen mit moderierten Gesprächen über Armut, Wohnungslosigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Hamm. Michael Bönte, DiCV Münster
Dass die diesjährige Tafel der Solidarität genau zwölf Jahre nach ihrer Premiere stattfand, war mehr als ein symbolischer Moment. 2014 hatte die Caritas Hamm das Format erstmals ins Leben gerufen. Nun wurde die Tafel der Solidarität bereits zum vierten Mal veranstaltet - mit demselben Ziel wie damals: Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich im Alltag oft nicht begegnen.
"Die Idee war damals, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sonst oft nebeneinanderher leben", sagt Elmar Marx. "Dass das zwölf Jahre später immer noch funktioniert, hat man an diesem Nachmittag deutlich gespürt." Familien, Nachbarschaften, Engagierte, Mitarbeitende sozialer Dienste sowie Vertreter*innen aus Stadtgesellschaft, Ordnung und Einzelhandel kamen zusammen. Ebenso waren Menschen dabei, die selbst von Armut und Wohnungslosigkeit betroffen sind und ihre Perspektiven in die Gespräche eingebracht haben. Im Mittelpunkt der zweistündigen Veranstaltung standen Fragen des Zusammenlebens in Hamm sowie der Umgang mit Armut und Obdachlosigkeit in der Innenstadt. Unterschiedliche Lebensrealitäten trafen aufeinander - verbunden durch einen gemeinsamen Ort und die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu gehen.
Ein Nachmittag zwischen Alltag und Einordnung
Im Mittelpunkt der Tafel der Solidarität standen die Gespräche: Menschen kamen zusammen, tauschten Erfahrungen aus und begegneten sich auf Augenhöhe. Michael Bönte, DiCV Münster
Die Tafel der Solidarität verband die offene Begegnung am Marktplatz mit einem Bühnenprogramm aus moderierten Gesprächsrunden. Ergänzend zu den Gesprächen an den Tischen wurden Perspektiven auf Armut und Obdachlosigkeit in der Innenstadt sichtbar gemacht und gemeinsam eingeordnet. Auf der Bühne diskutierten neben externen Gästen aus Stadtgesellschaft, Ordnung und sozialem Umfeld auch Fachkräfte der Caritas Hamm. Im Mittelpunkt standen unterschiedliche Erfahrungen mit der Situation in der Innenstadt - und die Frage, wie diese Wahrnehmungen zusammengeführt werden können.
"Begegnung passiert nicht automatisch, nur weil Menschen am selben Ort sind", sagt Imke Friedrich, Leiterin Soziale Dienste bei der Caritas Hamm. "Sie entsteht in dem Moment, in dem man bereit ist, die Perspektive des anderen überhaupt erst zuzulassen." So wurde die Tafel der Solidarität nicht nur zu einem Ort des Gesprächs, sondern auch zu einem Ort der Einordnung: Alltagsbegegnung und gesellschaftliche Debatte standen sichtbar nebeneinander.
Ein Stadtbild aus vielen Perspektiven
Bereits vor Beginn der Tafel der Solidarität füllten sich die Tischreihen auf dem Marktplatz vor der Pauluskirche. Die Veranstaltung brachte später mehr als 800 Menschen zusammen. Anna Eckart (Caritas Hamm)
Im Zentrum der Gespräche stand die Frage, wie mit Armut und Obdachlosigkeit in der Innenstadt umgegangen wird - ein Thema, das sichtbar ist und gleichzeitig sehr unterschiedlich erlebt wird. "Wohnungslosigkeit entsteht selten plötzlich", sagt Kristina Köhler, Leitung Wohnungsnotfallhilfe bei der Caritas Hamm. "Sie entwickelt sich über längere Zeit - und wird dann im öffentlichen Raum sichtbar. Genau dort treffen sehr unterschiedliche Lebenslagen unmittelbar aufeinander."
Diese unterschiedlichen Perspektiven wurden im Gespräch mit Vertreter*innen aus Ordnung, Stadtgesellschaft und Einzelhandel aufgenommen und weitergeführt. Dabei wurde deutlich, wie vielschichtig die Realität in der Innenstadt ist - und dass einfache Antworten dieser Komplexität nicht gerecht werden.
Gespräche, die nicht geplant sind
Die stärkste Wirkung des Tages entstand abseits der Bühne. Dort, wo Menschen gemeinsam gegessen haben, entwickelten sich Gespräche ohne Moderation, ohne Ablauf, ohne Vorgabe. Viele dieser Begegnungen begannen zufällig - und genau darin lag ihre besondere Qualität. Menschen blieben sitzen, hörten zu, erzählten weiter, widersprachen auch. Unterschiedliche Sichtweisen blieben bestehen, kamen aber in direkten Kontakt. "Was hier passiert ist, lässt sich nicht planen", sagt Elmar Marx. "Aber man spürt schnell, dass es etwas verändert - weil Menschen anfangen, wieder miteinander zu reden, wo sonst oft nur nebeneinander gesprochen wird."
Ein Signal über den Tag hinaus

Die Caritas Hamm versteht die Tafel der Solidarität als Teil eines längeren Prozesses: gesellschaftliche Themen sichtbar machen, Dialog ermöglichen und Räume für Begegnung schaffen, die im Alltag oft fehlen. Die Veranstaltung wurde zugunsten der Initiative "Zeichen der Solidarität" durchgeführt und unterstützt soziale Projekte sowie Menschen in schwierigen Lebenslagen in Hamm. Am Ende blieb ein aufgeräumter Marktplatz zurück - und bei vielen Beteiligten der Eindruck, dass dieser Ort für einige Stunden eine andere Bedeutung bekommen hat.